Verlags- und Imprintgruppe R. G. Fischer
R. G. Fischer Verlag

Sonja Hajek

»Das Schreiben war und ist Ausdruck des Seelenlebens.«


cover
Beitrag entnommen
aus der Jubiläums-Anthologie
ğIm Zaubergarten der WorteĞ
Ausgabe 2017







Lichter

Die Schatten werden länger,
der Abend senkt sich schon hernieder,
der Tag vergeht, die Nacht rückt nach,
Glühwürmchen, zündet eure Laternen an,
damit die Sonne schlafen kann
und wenn die Sterne oben funkeln,
wird unten sich die Welt verdunkeln.
D’rum zündet eure Lichter an,
damit das Dunkel ruhen kann,
die Schatten werden länger,
der Abend senkt sich schon hernieder,
der Tag, er fällt in Teiche aus Licht,
sich zögernd an den Ufern bricht,
die Mondfrau webt einen Teppich
aus Silberglanz und fahlen Nebelschwaden,
die uns durch die Nacht hintragen,
eine Nacht der Zeitlosen, der Abwesenden,
der Vergangenen,
eine Nacht für dich und mich,
wir, die verlassen sind
und trotzdem jeden Tag erwachen,
wir, die wie Ebbe und Flut daher gehen,
während uns die Schatten umhüllen
und die Glühwürmchen ihre Laternen anzünden,
wir sind nicht allein,
wir lassen die Sonne nur etwas schlafen
und warten auf das nächste Morgenrot.

(05.08.2015)




Winterleben

Kälte schweift hin übers Land,
durchbricht der Wärme zart’ Gewand,
zieht seine Schatten immerfort,
verdunkelt jeden lichten Ort.
Es scheint, als wär’s des Mondes eigen Sohn,
der herrschet über einen Thron
aus Nebel und aus Tränen
kann niemand seinen Schmerz vergeben,
den einst die Königin ihm gab
damit er lerne, zu verstehen,
die Sonne und das Licht zu leben,
in Augen ohne Sternenschein.
Doch er mit Adlers Zügen nur
ihr lächelnd Seelenstaub gebar,
so zog er weiter seine Schatten,
verstoßen, wie ein Kind der Nacht,
ohne ihres Antlitz’ Glanze,
ohne ihrer Liebe Macht
und Winter, die als letzter galten,
reichen weiter ihm die Hand
durch der Kälte Seelenland,
dass der Schmerzen bitt’re Tiefe
die dunklen Täler seines Herzens
leuchten lässt von rotem Blut.

(für einen Seelenverwandten, Dezember 1999)




Nebelaugen

Siehst du nicht des Morgens Röte
wie Schatten aus Kristall und Licht,
siehst du nicht die Zeit entschwinden,
bedeckt mit Runzeln dein Gesicht.

Das Leben fließt in Strömen weiter,
es scheint, als wärs ein Augenblick,
dann sinkt die Nacht im Traum zurück
und steigt herab die Himmelsleiter.

Es lebt sich einsam hinterm Lichte,
siehst du die Welt mit Nebelaugen nur,
doch sag mir, dunkles Rot des Morgens,
was wärst du ohne diese Stunden der Nacht,
wenn Schleier dir die Augen küssen,
so ist ein weit’rer Tag vollbracht.

Die Zeit, sie hat ein Maß aus Licht,
doch Nebelaugen weinen nicht.

Der Morgen malt sein Rot an dein Fenster,
die Nebelaugen schlafen.

(November 2007)




Geisterstunde

Was ist es nur, was banget mich,
es ist die alte Uhr, die spricht,
sie schlägt zur zwölften Stunde nun,
wo soll ich hin, was soll ich tun,
denn manche Nacht geht sie umher,
die weiße Frau, die kommt vom Meer,
eine Gestalt aus alten Zeiten
will mich ins Schattenreich geleiten,
hinunter zieh’n ins dunkle Nass
und schleppend durch das feuchte Gras
zieht sie umher in mancher Nacht,
umschlingt von hinten dich ganz sacht,
dein Atem stockt, dein Herz bleibt steh’n,
die Beine wollen nicht mehr geh’n,
was soll ich tun, wo soll ich hin,
mich holt die tote Königin,
die man einst stieß ins kalte Meer,
’drum geht sie manche Nacht umher,
ich spür sie schon, die kühle Hand,
es schlägt die Uhre an der Wand,
der Spuk ist endlich nun gebrochen,
ich komme schnell ins Bett gekrochen
und schlafe friedlich wieder ein,
im Sternenglanz und Mondenschein.

(05.08.2015)




Traumtänzer / Dreamdancer

Wecke mich auf
                    wake me up
und tanze mit mir im fahlen Mondlicht
                    and dance with me in the pale moonlight
sag mir nicht, wenn die Sonne aufgeht
                    don’t tell me when sunrise comes
lass mich glauben, wir wären die einzigen Menschen
im Schatten der Nacht
                    let me believe we were the only people
                    in the shadow of the night
wecke mich niemals aus diesem Traum
                    don’t you ever wake me up out of this dream
es ist nur ein Flüstern in der Dunkelheit
                    it’s only a whisper in the darkness

(07.07.2015)




Berge

Fliege zu den Bergen,
bringe die Sonne zum Horizont zurück
in den Nächten der Dunkelheit,
sage den Schmetterlingen, wohin du gehst,
wenn der Abendstern dir die Augen küsst,
am letzten Tag des Jahres,
male ein Lächeln in die Seelen der Schatten,
wenn das Laub der Bäume welkt,
um bald im Eise des Winters zu erstarren,
komm mit mir – fliege zu den Bergen
und bringe für mich eine Sonne zum Horizont zurück.
Wir sind am Ende der Nacht,
der Schnee taut bereits unter unseren Füßen.

(Dezember 2007)




Sommertag

Sommer ist ein Gefühl in meinem Herzen,
wenn die Sonne mir die Augenlider küsst
und meine Seele streichelt,
all der Nebel, der zuvor durch meine Gedanken zog,
scheint vergangen,
das feuchte Gras erfrischt meinen Geist,
nie schien der Winter ferner zu sein,
heute ist ein guter Tag,
um dem Leben zu danken
und dem Tode zu verzeihen,
ich umarme die Welt
und spinne mir ein Netz aus Sonnenstrahlen,
das mich umhüllt und auffängt,
wenn die Schatten länger werden
und die Nacht mich eingeholt hat,
denn Sommer ist manchmal nur ein Gefühl
in meinem Herzen.

(07.07.2015)




Schlaflied meiner Seele

Was einst war,
brach mir entzwei,
was ist,
fliegt sacht’ an mir vorbei,
was sein wird,
singt einzig mir Trauervogel
über den Dächern meiner Seele.
– Trauervogel –
zeige mir die Wahrheit
unter den Schwingen
deiner tagträumerischen
Schwerelosigkeit.

(in einem »verlorenen Winter«, ca. 2000)




Klanglos

Regen an meinem Fenster – leiser Klang
voller Sehnsucht nach dem Licht,
doch ich horche – mir ist bang,
verwehret mir die Sonne nicht.

Erwache mitten in der Nacht,
kein Hauch des Morgens ist zu sehn.
Schlag des Herzens eig’ner Macht,
ich lass mein Gestern morgen gehn.

Wut und Verzweiflung sich in meiner Seele regen,
der Alltag deckt die Träume zu,
stiller Schläfer, so erwache, kämpfe, sei verwegen,
wünsch’ mir nur ein wenig Ruh’.

Regen an meinem Fenster – leiser Klang,
voller Sehnsucht nach dem Licht,
krümme mich im Schmerz so bang,
verwehret mir die Sonne nicht –
doch das Leben murmelt leise:
»Du hältst dein eigenes Gericht!
Bist des Wartens ach, so müde –
bald kehrt ein dein Seelenfriede.«

(Februar 2012)




An deinem Fenster

Eiskristalle malen Bilder
an deinem Fenster,
unter deiner Haut,
als der Regen aufhörte zu fallen
gingst du fort,
dorthin, wo die Flüsse fließen,
wo der Mond scheint,
doch die Nacht dunkel ist.
Du bist gegangen,
ohne dir den Morgentau von den Augen zu wischen,
ohne das Gestern im Schrank einzuschließen
und das Heute für den Tag danach zu bewahren.
Du gabst mir einen Brief,
die Rosen fielen zu Boden
als ich ihn las.
Während die Sonne den Raum durchflutete,
sah ich dich lächeln
hinter dem Fenster.
Eiskristalle malen Bilder
unter meiner Haut,
das Papier, das ich in meinen Händen halte,
ist leer,
denn du bist fortgegangen,
heim zu erfrorenen Tränen,
in des Winters letztem Blick.

(undatiert)




Heimkehr

Die Zeit verfliegt im Abendlicht
und alle Wolken gehen schlafen,
das Gold der Sonne außer Sicht,
das letzte Schiff kehrt heim zum Hafen.

Ein zarter Schimmer küsst die Nacht,
danach nur dunkle Nebelschwaden,
beim Glockenschlag bin ich erwacht,
es klopft an meinem Fensterladen.

Das Vögelein durchbricht die Stille,
sein Klopfen tief in meiner Seele,
oh Geister, ist das euer Wille,
dass ich mich Nacht für Nacht schon quäle?

Lasst die Gedanken in mir ruh’n,
schenkt meinem Herzen Frieden,
was soll ich in der Zukunft tun?
Ich wünsch, es soll die Liebe siegen.

Da hält das Klopfen plötzlich inne,
ein schwarzer Falter seine Flügel hebt,
nach tiefem Schlaf steht mir der Sinne,
will nicht mehr, dass die Seele bebt.

Die Zeit verfliegt im Abendlicht
und alle Wolken gehen schlafen,
das Gold der Sonne außer Sicht,
oh Schiff, so bring mich doch zum Hafen.

Nach Hause, wo mein Liebster ist,
den ich nun schon so lang vermisst,
jetzt legt es endlich an im Hafen,
ihr Geister, ja, nun kann ich schlafen.

(Mai 2011)




Nachtwanderung

Stille, schlafende, träge, müde Katzen,
stille, ruhige, atemlose, berauschende,
große, lauschende Stille,
leise Sohlen, Pfoten, die schleichen
horchend in die Stille,
dort, wo der Abend die Nacht begrüßt,
um langsam innezuhalten
und das Rot am Horizont verblassen zu lassen,
bis nur noch ein schwacher Schimmer
in bleichem Rosa den Tag erahnen lässt;
stille, schlafende, träge, müde Katzen,
stille, ruhige, atemlose, berauschende,
große, lauschende Stille,
wo schlägt der Falter sein Lager auf,
wenn all die Blumen schlafen?
Wo verglüht das Glühwürmchen,
wenn alle Lichter erlöschen?
Wohin reist ein Mensch,
dessen Haus die Vergangenheit zum Einsturz brachte?
Wohin schwinden Gedanken,
wenn sie ungeschrieben verloren gehen
im tiefen, fahlen Weiß des Blattes,
das sie gierig verschlang,
noch bevor sie es berührten?
Stille, schlafende, träge, müde Katzen,
stille, ruhige, atemlose, berauschende,
große, lauschende Stille,
Füße, die gehen wollen,
gehen, in blinder Vertrautheit
wie schleichende Pfoten,
horchend in der roten Blässe
des nahenden Tages.
Stille – berauschende Stille.

(19.06.2013)




Aus den Schatten

Aus den Schatten einst du kamst
und ahntest nicht der Menschheit Gier.
Du tastetest und riefst und sahst
soviel zu früh des Dunkels Tür.

Du gabst ein Lächeln, einen Blick,
ein Flüstern nur zu später Stunde,
warf Gram und Not dich auch zurück,
umsorgt du warst zu jed’ Sekunde.

So geh’ nun heim ins Reich der Schatten,
lass dich von Engelsschwingen tragen,
musst nicht mehr weinen, noch ermatten,
nur bleiches Tuch, als wir dich bargen.

Ein tränend Herz gewachsen ist,
wo Erde war und Steine,
so schmerzlich wurdest du vermisst,
was immer bleibt, sind bloß Gebeine.

Zum Vogel werde, spreiz’ die Flügel
und fliege frei bis hin zum Meer,
bei Sonnenaufgang die Nachtigallen singen,
erinnern mich an dich so sehr.

(für meinen Bruder, 26./27.05.2016)




Flaschenpost

Es ist so schwer, für dich zu schreiben,
du bist mein Felsen und mein Licht,
und waren Zeiten einst auch düster,
du wichst von meiner Seite nicht.

Wär’ ich nun eine Flaschenpost,
die triebe weit hinaus aufs Meer,
umspielt von silber-blauen Wellen,
nur Weite – ohne Wiederkehr.

Doch eines weiß ich ganz bestimmt,
wohin die Wogen mich auch tragen,
du wartest überall auf mich,
bist mein Zuhaus’ an Regentagen,
denn auch die Sonne reist mit dir,
für alle Zeit – hab’ Dank dafür!

(für meinen Mann, 18.10.2016)






Sonja Hajek
, geboren 1982 in Hamburgs Westen, schrieb bereits in der Grundschule eigene Märchen und Geschichten. Zum Teil wurden diese von Lehrern auch nachfolgenden Klassen gerne vorgelesen, auch davon motiviert, blieb sie dem Schreiben treu. Positive Rückmeldungen aus dem privaten Umfeld veranlassten sie, Gedichte aus ihrer Feder aus mehreren Jahren ihres Schaffens in einem Gedichtband zusammenzufassen. Das Schreiben war und ist für sie ein Ausdruck ihres Seelenlebens.