Verlags- und Imprintgruppe R. G. Fischer
R. G. Fischer Verlag

Sabine Niemeyer


cover
Beitrag entnommen
aus der Jubiläums-Anthologie
ğIm Zaubergarten der WorteĞ
Ausgabe 2018







Minnie und Maxi

Mein Bruder Maxi spielt jeden Tag mit seinem Freund Lasse mit der Eisenbahn. Lasse ist krank und Maxi fragt mich: »Willst du mit mir Eisenbahn spielen?«
Die Eisenbahn meines Bruders ist auf dem Dachboden aufgebaut. Kaum mache ich die Tür auf, befinde ich mich schon in einer Landschaft mit Bergen, Flüssen, Dörfern mit Bahnhöfen, einer Post und Geschäften und Figuren.
Meistens ist die Tür zum Boden abgeschlossen, es ist schon lange her, dass ich das letzte Mal da war. Ich bin gespannt, wie es jetzt aussieht.
»Ja«, sage ich.
»Deine ist die orangene, moderne Lok, meine die schwarze Dampflok«, sagt mein Bruder.
Ich laufe hinter ihm die Treppenstufen hoch. Als ich die große Eisenbahn betrachte, fühle ich mich klein.
Mein Bruder stellt sich ans Steuerpult.
»Das ist der Knopf für die orangene, du musst aufpassen, dass die Loks nicht zusammen stoßen. Möchtest du die Kinder aus der Schule abholen?«
»Tüt, tüt«, ich setze meine Lok Richtung Schule in Bewegung.
»Kühe auf den Gleisen.« Ich trete auf die Bremse und warte, bis alle Kühe über die Gleise gegangen sind.
Als die Lok verspätet an der Schule ankommt, haben sich die Kinder schon zu Fuß auf den Weg gemacht. Sie hören die Lok und kehren um.
Nun ist Maxi dran: »Tüt, tüt«, sagt Maxi. »Ich hole Kohle aus den Bergen und bringe sie in den Bahnhof.« Seine schwarze Lok fängt an zu dampfen. In den Bergen liegt Schnee und die Lok kämpft sich mit Schneeketten durch die Berge. Die Bergarbeiter laden die Kohle auf und Maxi fährt seine Bahn langsam wieder in den Ort zurück.
Es klingelt an der Haustür.
Ich bin für einen Moment unaufmerksam und die Loks prallen zusammen. Mein Bruder fängt an zu schreien: »Pass doch auf.«
Ich hab beim Spielen die Zeit ganz vergessen, mir fällt ein, dass mich meine Freundin Lisa zum Spielen abholen wollte. Wir wollten bei Ute mit dem Puppenhaus spielen.
»Lisa, komm rein. Ich bin noch nicht fertig. Unsere Züge sind zusammengeprallt, komm mit in unser Spielzimmer, dann zeige ich dir unsere tolle Eisenbahn.«
»Nein, ich warte hier«, sagt Lisa.
Maxi ist auch nach unten gekommen und fragt: »Willst du mitspielen? Du kannst die grüne Lok haben.«
»Wir sind gleich mit Ute verabredet«, sagt Lisa.
Maxi guckt sie traurig an: »Nur 5 Minuten.«
»Nein«, sagt Lisa.
»Ich ziehe mir schnell was an«, sage ich und bin schon mit Lisa auf dem Weg zu Ute. Ich drehe mich nochmal um und sehe, wie Maxi traurig am Fenster steht und uns hinterherschaut.
Ute wohnt ein paar Häuser weiter.
Ich bin einfach aus dem Haus gegangen und habe Maxi mit den zusammengestoßenen Zügen alleine stehen lassen. Hoffentlich lässt er mich nächstes Mal noch mitspielen.
Dann sind wir auch schon bei Ute. »Ihr seid spät«, sagt sie.
»Ja«, sage ich.
»Ich hab schon mal die Puppen in die Zimmer gesetzt. Wir spielen heute Kuchenbacken. Minnie, deine Puppe, muss noch in den Kaufmannsladen gehen und die Zutaten kaufen, hier ist das Geld.«
»Meine Puppe hat ein wehes Bein, sie kann doch mit der Eisenbahn in den Kaufmannsladen fahren«, sage ich.
»Nichts da, die Puppe ist nicht krank, sie geht zu Fuß.«
»Nein, sie muss Eisenbahn fahren.«
»Tüt, tüt«, da kommt auch schon die Eisenbahn. Meine Puppe steigt ein. Im Laden bekommt sie nicht alle Zutaten, sie geht noch in den Kiosk nebenan.
Wie sie wieder in der Puppenstube ankommt, fängt sie an, die Zutaten mit dem Rührgerät zu verrühren. Der Teig riecht lecker, sie nascht davon und schiebt den Kuchen in den Ofen. Lisas Puppe muss abwaschen.
Als der Kuchen fertig ist, setzen sich alle Puppen an den Tisch und essen.
Utes Mutter kommt rein und fragt: »Möchtet ihr was essen?«
»Bring uns ein paar leckere Brote.«
»Ja.«
Wir essen mit unseren Puppen zusammen.
Lisa sagt: »Maxi hat mir angeboten, mit seiner Eisenbahn zu spielen.«
»Du hast doch hoffentlich nicht mitgespielt. Mädchen spielen nicht mit Eisenbahnen«, sagt Ute barsch.
»Ich habe auch mit der Eisenbahn gespielt, es hat großen Spaß gemacht«, entgegnete ich.
»Mit Puppen spielen ist doch viel schöner, wir sind doch keine Jungs«, erwidert Ute.
»Es gibt so tolle Eisenbahnen, im Kaufhaus habe ich neulich eine gesehen. Wir gehen zusammen hin, ihr werdet begeistert sein.« sage ich.



Minnies Weihnachtswunsch

Meine Eltern hatten mich gefragt, was ich mir zu Weihnachten wünsche. Bis zum 2. Advent sollte ich meinen Wunschzettel abgeben. Mein Wunsch war klar: eine Eisenbahn. Meine Eltern waren dagegen. Nun musste ich meine Eltern noch von meinem Wunsch überzeugen.
Vor einiger Zeit hatte ich einen Flyer über eine Ausstellung und Schauanlage in »Omis Kaufhaus« mitgenommen. »Omis Kaufhaus« liegt in der Innenstadt. Der Eintritt in die Ausstellung kostet 2 Euro, für Kinder bis zu einem Meter Größe in Begleitung Erwachsener ist der Eintritt frei.
Meine Freundinnen sind zu Besuch bei mir und ich frage sie: »Kommt ihr mit mir in die Eisenbahnausstellung? Dann kann ich euch meine Eisenbahn zeigen, die ich mir zu Weihnachten wünsche.«
»Das ist doch uninteressant, schau dir lieber die neuesten Barbiepuppen an«, erwidert Ute.
Dann frage ich meine Eltern: »Kommt ihr mit mir in die Eisenbahnausstellung?«
»Wir sind total im Weihnachtsstress und schaffen es nicht, frag’ doch Opa, vielleicht kommt er mit«, sagt mein Vater.
Ich gehe zum Nachbarhaus, in dem mein Opa wohnt, und klopfe dreimal an die Tür. »Kommst du mit in Omis Kaufhaus?«
»Warum denn?«, fragt er.
Ich tue so als hätte ich die Frage nicht gehört und sage: »Aber du musst dich dick anziehen, es schneit doch draußen.«
»Du musst dich auch dick anziehen, sonst bist du Weihnachten noch krank.«
»Gut, aber dann gehen wir gleich los«, sage ich ganz aufgeregt.
»Bei dem Schnee fahre ich nicht mit dem Auto, ich habe keine Winterreifen, lass uns mit dem Bus fahren.«
Wir gehen im Schneegestöber zur Bushaltestelle. Wie wir ankommen, sind wir fast eingeschneit. Eine Menschentraube steht schon dort, wir quetschen uns noch mit in das geschützte Bushaltestellenhäuschen. Wo bleibt der Bus bloß? Auf der elektronischen Anzeigentafel sehen wir: Es kommt witterungsbedingt zu zwanzig Minuten Verspätung.
Ungeduldig warte ich, bekomme langsam kalte Füße und trete von einem Fuß auf den anderen. Endlich kommt der Bus, er ist überfüllt, wir stehen gedrängt im Eingangsbereich und fahren drei Stationen.
Ich ziehe meinen Opa fast schon hinter mir her.
Nur noch ein paar Schritte und dann sind wir am Kaufhaus angekommen. Mein Opa zahlt 2 Euro und wir gehen die Treppen hinauf zur Ausstellung.
In einem durch das ganze Stockwerk geführten Wasserkanal fahren große, handgefertigte Sammlerblechschiffe und große Spielzeugeisenbahnen aus Blech drehen ihre Runden.
»Das ist aber toll«, sagt mein Opa und seine Augen funkeln.
Mit großen Augen schaue ich auf die Eisenbahn und kann kaum sprechen, mir bleibt der Mund offen stehen.
»Opa, guck mal, so eine rote Feuerwehreisenbahn wünsche ich mir zu Weihnachten.«
»Die passt doch gar nicht auf die Schienen von Maxis Eisenbahn.«
»Dann müssen Mama und Papa mir eben noch neue Schienen kaufen.«
»Minnie, das ist doch viel zu teuer.«
»Lass uns nach unten gehen, dann suchen wir eine neue Barbiepuppe für dich aus, die ist doch viel günstiger«.
»Nein, ich möchte diese Eisenbahn, vielleicht gibt es die Lok auch in kleiner?«
»Wir könnten beim Kaufhaus um die Ecke schauen.«
Wir machen uns auf den Weg zum nächsten Kaufhaus. Bevor wir in das Kaufhaus eintreten, schütteln wir uns den Schnee ab.
Wir fahren in den dritten Stock. Es gibt Eisenbahnen in verschiedenen Größen, aber keine Feuerwehreisenbahn.
»Komm, wir suchen dir eine schöne Barbiepuppe aus.«
Ein Verkäufer kommt auf uns zu. »Kann ich Ihnen helfen?«
»Nein, wir suchen eine Eisenbahn in einer anderen Größe.«
»Das ist doch kein Problem, wir können auch Eisenbahnen bestellen, die kommen dann noch pünktlich zum Fest hier an, schauen Sie mal, ich hole den Katalog.«
Wir suchen eine Eisenbahn aus, bestellen sie und erhalten einen Bestellcoupon.
»Minnie, erzähl das aber nicht Mama und Papa, dass wir dir eine Eisenbahn bestellt haben, dann regen die sich wieder auf, dass wir uns zu viel Arbeit gemacht haben und eigentlich solltest du gar keine Eisenbahn bekommen.«
»Opa, wir sagen einfach, dass wir eine Barbiepuppe bestellt haben und Weihnachten erzählen wir Mama und Papa, die im Kaufhaus haben sich vertan, was meinst du?«
»So machen wir das«, sagt Opa und zwinkert mir zu.
»Komm Minnie, wir gehen noch auf den Weihnachtsmarkt und stärken uns.«
Inzwischen ist es dunkel geworden und der Weihnachtsmarkt leuchtet von weitem. Wir essen eine Waffel und trinken dazu Kakao. Später bekomme ich noch einen Kinderpunsch und stoße mit meinem Opa an. Beide müssen wir lachen und schlagen mit unseren Händen ein. Lachend schaue ich in den Himmel und sehe viele leuchtende Sterne in den Bäumen.

















Sabine Niemeyer
wurde im
Dezember 1966 in Hildesheim
geboren und hat nach der
Ausbildung zur Industriekauffrau
und Fremdsprachenkorrespon-
dentin Betriebwirtschaftslehre
in Göttingen studiert.

Veröffentlichungen in diversen Anthologien des R. G. Fischer Verlages. Die Autorin liebt Reisen und Radfahren und lebt mit ihrem Ehemann in Köln.