Verlags- und Imprintgruppe R. G. Fischer
R. G. Fischer Verlag

Simone Tröger


cover
Beitrag entnommen
aus der Jubiläums-Anthologie
»Im Zaubergarten der Worte«
Ausgabe 2018








Ein Tag im Oktober

Nachdem Jana leise die Babyklappe geschlossen hatte, drehte sie sich um. Sie rannte los – wollte nicht erkannt werden. Dem Baby hatte sie verschlissene Strampler angezogen. Die waren außerdem viel zu dünn, aber es hatte noch nicht geschneit. Keine Fußspuren waren verräterisch. Warum legte sie Jessica in eine Babyklappe? Hoffte sie auf Mitleid mit dem Mädchen? Vielleicht gab es doch jemanden, der sie liebgewann und ihr tolle Kleidchen nähte oder kaufte … Bestimmt bekam sie auch einen anderen Namen. Woher sollte auch jemand wissen, worauf sie hörte. Ja, »hörte«… Ein Ohr war nur zur Hälfte vorhanden, auch beide Daumen fehlten ihr. Jana hatte die Kapuze tief im Gesicht, wurde aber von der ihr entgegenkommenden Nachbarin freundlich mit einem »Hallo, Jana« begrüßt. Aber Jana sah sie nicht wirklich. Sie wollte doch unsichtbar sein. Schließlich hatte sie eben etwas Schlimmes getan. So was macht keiner! Aber wieso gab es dann die Babyklappe dort im Krankenhaus? Galt das nicht als »Entsorgungsmöglichkeit«? Es war doch allemal besser so, als sich ständig rumzuärgern … Sogleich fühlte Jana den Kloß in ihrem Hals. Noch dazu bog ihr Lehrer um die Ecke. Was würde er jetzt zu ihr sagen? Würde er sie anhalten und in ein Gespräch verwickeln? Noch waren Herbstferien. Sie musste nicht zur Schule. Sie hatte nicht geschwänzt. Also würde es keine Rüge geben. Aber der Lehrer ging schnellen Schrittes um die Ecke, ohne Jana zu sehen. »Puh, das ging nochmal gut!«
Sie war inzwischen bei der Bücke angekommen. Das hieß – sie war raus aus der Stadt. Hier traf sie nicht mehr so viele bekannte Menschen. Der Kloß in ihrem Hals lockerte sich langsam. Sie setzte sich völlig außer Puste auf das Gras. Allmählich konnte sie wieder besser denken. Der Sauerstoff kehrte ins Gehirn zurück. Sie dachte lange nach. Ob sie es richtig machte? Was würden die Leute sagen? Was ihre Eltern? Gab es dafür nicht auch eine Strafe von der Polizei? Ob Jessica bereits gefunden wurde? Was passiert danach mit den Babys? Forscht einer nach, wer das getan hat? Janas Gedanken konnten sich nicht beruhigen. Auf der Wiese war es zu kalt zum Sitzen. So kroch Jana hoch, schaute hinter dem welkenden Gebüsch auf die Brücke. Ab und zu kam ein Auto – und Jana schwor sich, sich vom Weihnachtsmann einfach eine neue Babypuppe zu wünschen …



Der Dieb klettert
ins Himmelblau …


Eigentlich war es kein Himmelblau, sondern Meerblau. Man konnte aber ohnehin nicht unterscheiden, wo das Blau des Wassers aufhörte und das Blau des Horizontes anfing, wenn man weit hinausschaute. Der Dieb hatte seiner Beute diesen Luxus zu verdanken.
Keiner fand je das Geld aus dem Bankraub. Ganz klassisch vergrub er es tief in der Erde. Irgendwann holte er es wieder hervor und begab sich auf Weltreise. Jetzt war er auf Bora-Bora angelangt.
Sicher reizte ihn die Einsamkeit, aber auch die Natur und die Freundlichkeit der Bewohner. Als nächstes würde er sich Hawaii vornehmen, vielleicht Australien. Ganz genau hat er die Punkte auf seiner Landkarte markiert, die er sehen will. Nach seiner Abreise aus der kalten Heimat, versteht sich. Es soll nichts auf den Raub und somit die Spuren hinweisen. Er drehte sein Ding allein, schließlich wollte er auch allein ernten. Einfach aus der Laune heraus, hat er geplant. Er hatte es satt, der Bürokratie des Staates zu folgen. Er hatte wohl selbst nicht daran gedacht, dass ihm so was gelänge, er war doch ein ehrbarer Junge … Aber es ging ihm nun besser als je zuvor; nur Lügen musste er noch lernen.
Wie erzählt man so eine Geschichte? Bzw., wie erzählt man SEINE Geschichte? Eine Übersiedlung in ein anderes Land wäre hilfreich. Eventuell Argentinien. Haben schon manche geschafft. Nur kein zu großes Land – USA, Kanada – großes Land, viel Polizei. Aber auch kein nicht so dicht besiedeltes Land soll es sein, da hat die Staatsgewalt zu viel Zeit, um nach solchen wie ihn zu fahnden. Eine andere Identität muss her. Wie nennt man sich? Carlo Garcia oder James Miller? Wer glaubt einem, dass man keine Papiere mehr hat? Wie ist man ins Land gekommen? Ausweise gestohlen? Dann suchen sie. Dann fliegt alles auf. Wo wohnt man? Einsam? Macht irre. Unter Nachbarn? Hier ist die Gefahr zu groß, zu viel Vertrauen in jemanden zu setzen und ihm die Wahrheit zu erzählen. Familie? Und wenn man redet im Schlaf? Und Arbeitskollegen, die fragen, woher du so viel Geld hast, sind neidisch und kommen dir mit Erpressung oder Schlimmerem. Auch Freunde sind dann tabu.
Dieses herrliche Atoll hier hat schon etwas – wenn man die Augen aufmacht – auch, wenn man sie zumacht.
Plötzlich ein »Hallo. Hallo. H-a-l-l-o!«. Augen öffnen, die schwere Tür mit Guckloch sehen; dahinter Gitter … Noch mehr Träumer in Zellen mit Waschgelegenheit …
»Antreten zum Abendessen!«













Simone Tröger ist 1969 geboren und gelernte Sekretärin. Ab und an verfasst sie Kurzgeschichten oder Gedichte, die zumeist anlassbezogen sind.